Andacht zur Jahreslosung

„Seid barmherzig, wie auch euer Vater im Himmel barmherzig ist!“ (Lukas 6, Vers 36)

Das ist die Jahreslosung für 2021 – für ein Jahr, in dem uns hoffentlich ein Weg aus der Pandemie gewiesen wird. Der langersehnte Impfstoff scheint reif zu sein für seine Anwendung. Ein klareres Bibelwort ist dieses Wort von der Barmherzig-keit; klarer als die Losung des letzten Jahres: „Ich glaube, hilf meinem Unglauben!“ stand im Rückblick betrachtet für die Suche nach einem Anker in einer Welt, die aus dem Ruder gelaufen ist. Ungläubig zu glauben ist doch purer Zweifel. Hilft das weiter, habe ich mich im letzten Jahr gefragt. Barmherzig zu werden ist dagegen ein klares Ziel. Mir selbst und meinen Mitmenschen Fehler zu ver-zeihen. Und ihnen mit Mitgefühl begegnen, nicht rechthaberisch und hart. Der Theologe Henning Luther sagte über das Leben: ‚Wir leben alle nur im Fragment.‘ Unser Leben ist nicht perfekt, sondern aus lauter Bruchstücken zusammengesetzt – manchmal so schön angeordnet wie in einem Mosaik, aber manchmal einfach nur ungeordnet, ohne ein klares Bild. Das so anzunehmen, ist ein Akt der Barmherzigkeit an sich selbst, der sich täglich wiederholt. Gott liebt mich, so unfertig, wie ich bin. Er spricht mich gerecht, obwohl ich so unvollkommen bin. Davon bin ich zutiefst überzeugt. In meiner Arbeit als Klinikseelsorger in Bad Essen und in Bramsche stehe ich oft Menschen gegenüber, die durch einen Unfall oder eine Erkrankung vor dem Scherbenhaufen ihrer Gesundheit stehen. Und sich oft mühsam wieder aufrappeln. Aber irgendetwas bleibt doch. Manche tragen diese Veränderung mit Geduld, mit echter Demut. Weil sie nicht vergessen, wie schlecht es ihnen ging. Und weil sie wieder mit Gott den Kontakt suchen, der sie so annimmt, wie sie sind. Und für alle Menschen dankbar sind, die ihnen barmherzig begegnen. Seelsorge heißt für mich, ihnen mit Interesse und barmherzig zu begegnen.

Andreas Pöhlmann

Jahreslosung: Acryl von U. Wilke-Müller © GemeindebriefDruckerei.de