
An(ge)dacht
„Lebensreise oder Der Weg entsteht beim Gehen“
“… wollt ihr in diesem Glauben bleiben und wachsen?” Diese Frage wurde den Konfirmanden im Wittlager Land in den vergangenen Wochen vorgelegt im Konfirmationsgottesdienst. Konfirmation,
häufig verstanden als Abschluss eines Weges durch zwei- oder dreijährige Konfirmandenzeit. Richtiger eigentlich der Beginn und Ablaufpunkt für eine Lebensreise des Glaubens. Junge Menschen ,die in einer Zeit ihr Leben gestalten müssen,
in der alles gleichzeitig passiert, in der Unmassen von Informationen mit Lichtgeschwindigkeit an jeden beliebigen Ort gelangen können. „Nichts ist, was es zu sein vorgibt. Alles ist schon im Augenblick seines Erscheinens ein
Zitat“. (Roberto Calasso) Wo du auch hingreifst – überall Information und nirgends Überzeugung oder Sicherheit. Das ist wie Bungee-Springen – nur ohne Seil ! Leben im freien Fall. Die Musikgruppe SILBERMOND hat es in
ihrem Song „Irgendwas bleibt“ auf den Punkt gebracht: „Gib mir ein kleine bisschen Sicherheit in einer Welt, in der nichts sicher scheint./ Gib mir in dieser schweren Zeit irgendwas das bleibt“.
Silbermonds Song drückt ein modernes Lebensgefühl aus: Überzeugungen, Meinungen, Werte sind flüchtig wie Datenströme . Und es beschreibt die diffuse Beklemmung darüber, dass „nichts bleibt“. In der Konfirmandenzeit waren
Unterrichtende und Konfirmanden gemeinsam auf der Suche nach etwas, das mit uns Menschen unterwegs ist und uns auf der Lebensreise begleitet. Es ist wie in der kurzen Geschichte von Franz Kafka: ein Mensch steht am Anfang einer Reise. Er
hört eine Trompete blasen, die ihn zum Aufbruch ruft, alle anderen hören nichts. Er weiss nicht wohin er reiten wird, nur: immer vorwärts. Er hat keinen Reisevorrat mit, und braucht auch keinen. Er weiss er muss verhungern, wenn er
unterwegs nichts bekommt.
Eine merk-würdige Geschichte, es könnte unsere eigene Geschichte sein. Den Ton der Trompete hört jede und jeder nur für sich, es ist der Ruf des Lebens, der zum Beginn der Lebensreise ruft. Wohin es geht
wissen wir nicht, nur das wissen wir: der Weg ist noch nicht das Ziel. Vorräte hat man für uns bereit gelegt: gute Ratschläge, Erfahrungen, Ermahnungen. Doch leben, wirklich leben müssen wir von dem, was wir unterwegs bekommen:
Freundschaft und Liebe, Vertrauen und Geborgenheit, Vergebung und Verzeihung, Hoffnung und Trost . Vieles davon können Menschen uns geben, manches kann nur Gott geben. Ohne beides, Menschenhilfe und Gotteshilfe, würden wir unterwegs mit
Herz und Seele verhungern. Das gilt für Konfirmanden ebenso wie für Eltern oder Großeltern.
Jugendliche und junge Erwachsene sind es gewohnt, vor dem Bildschirm zu sitzen und zu warten, dass der Film oder das Spiel abläuft. Doch so
wird aus der Lebensreise nichts. Jedenfalls nichts Sinnvolles und Erfülltes. Der Weg für die Lebensreise lässt sich eben nicht per Mausklick aufrufen. Und der Weg ist auch nicht gleich das Ziel. Nein, der Weg entsteht beim Gehen. Unter
den vielen Wegen, die sich uns anbieten ist nur der eine unser Weg, den wir selber mit unserem Leben gestalten. Unsere Lebensreise beginnt, wenn wir sie beginnen. Und der Glaube, der mit der Konfirmandenzeit in uns geweckt wurde, wird
wachsen, wenn wir ihn leben. Wenn wir ihm einen Boden bieten, in dem er sich verwurzeln kann. Wenn er auf Herausforderungen und Schwierigkeiten trifft, an denen er stark werden kann. Und wenn er auf der Lebensreise Nahrung von außen
bekommt.
SILBERMONDS Lied ist schön und poetisch. Aber für eine Lebensreise ist es mir zu wenig. Wenn ich unterwegs bin mit meinem Leben, dann hilft mir nicht „irgendwas das bleibt“. Es bringt mich nicht weiter, „dass
wenn ich wiederkomme/ alles noch beim Alten ist“. Was mich voranbringt ist das Vertrauen, dass Gott mit mir unterwegs ist. Dass mit seinem Wort, mit Brot und Wein ab und zu, mit guten Begegnungen unterwegs mein persönlicher Weg beim
Gehen entsteht. Den Jungen und Mädchen, die bei ihrer Konfirmation die Frage ob sie in diesem Glauben bleiben und wachsen wollen, mit der Formulierung „Ja, mit Gottes Hilfe!“ beantwortet haben, wünsche ich die Erfahrung, die das
1. Buch Mose ausspricht: „So wird Gott mit mir sein und mich behüten auf dem Wege, den ich reise“.
Kirchengemeinde Arenshorst
